Galileo Galilei
Galileo Galilei (* 15. Februar 1564 in Pisa; ? 8. Januar
1642 in Arcetri bei Florenz) war ein
italienischer Philosoph, Mathematiker, Physiker und Astronom, der bahnbrechende Entdeckungen auf mehreren Gebieten der Physik machte und wegen seines Eintretens für
das kopernikanische Weltbild von der Inquisition verurteilt wurde.
| Inhaltsverzeichnis |
|
1 Leben und Werk
1.1 Herkunft und Lehrjahre
1.2 Lektor in Pisa, 1589-1592
1.3 Professor in Padua, 1592-1610
1.4 Hofmathematiker in Florenz, ab 1610
1.5 Weitere astronomische Entdeckungen und der
Inquisitionsprozess von 1616
1.6 Der Dialog über die zwei
Weltsysteme und der Inquisitionsprozess von 1633
1.7 Hausarrest 1633-1642 und die Discorsi
2 Nachgeschichte, Nachruhm
3 Wissenschaftliche Leistungen
3.1 Methodisches
3.2 Kinematik
3.3 Elastizitätstheorie
3.4 Astronomie
3.5 Vermischte Erfindungen
3.6 Galilei als Schriftsteller
4 Weiterführende Informationen
4.1 Galileis wissenschaftliche Werke
4.2 Quellenausgaben
4.3 Biographien
4.4 Interpretationen
4.5 Filme
4.6 Weblinks
|
Leben und Werk
Herkunft und Lehrjahre
Galilei stammte aus einer Florentiner Patrizierfamilie. Sein Familienzweig hatte den Namen eines bedeutenden Vorfahren
angenommen, des Arztes Galileo Bonaiuti (15. Jh.). Galileis Vater Vincenzo war Tuchhändler, Musiker und Musiktheoretiker und hatte als solcher
mathematische Kenntnisse und Interessen; er untersuchte den Zusammenhang zwischen Saitenspannung und Tonhöhe und entdeckte dabei
die vielleicht erste nichtlineare Beziehung der Physik.
Galileo Galilei wurde als Novize in einem Kloster erzogen und zeigte Neigung, in den Orden einzutreten, wurde aber vom Vater
zum Medizin-Studium nach Pisa geschickt (1580). Nach
vier Jahren brach er sein Studium ab und ging nach Florenz, um bei Ostilio Ricci, einem Gelehrten aus der Schule von Niccolò Tartaglia, Mathematik zu lernen. Er bestritt seinen Lebensunterhalt mit Privatunterricht, beschäftigte sich mit angewandter
Mathematik, Mechanik und Hydraulik,
und begann in den gebildeten Kreisen der Stadt mit Vorträgen und Manuskripten auf sich aufmerksam zu machen. Vor der Accademia Fiorentina
glänzte er mit einem geometrisch-philologischen Referat über die Topographie von Dantes Hölle (Due lezioni all'Accademia fiorentina circa la figura, sito e grandezza dell'Inferno di
Dante, 1588). 1585/86 veröffentlichte er erste Ergebnisse zur Schwere fester Körper
(Theoremata circa centrum gravitatis solidorum) und löste ein antikes Problem (Heron) durch Konstruktion einer hydrostatischen Waage zur Bestimmung des spezifischen Gewichts (La bilancetta, Manuskript).
Lektor in Pisa, 1589-1592
Im Jahr 1589 erhielt er eine Stelle als Lektor für Mathematik an der Universität
Pisa. Das Salär reicht kaum zum Überleben; dennoch gelang es Galilei vorzügliche
Instrumente zu bauen. Er untersuchte die Pendelbewegung und fand, dass die
Periodendauer nicht von der Auslenkung abhängt. Bis in seine letzten Lebensjahre beschäftigte ihn das Problem, wie man diese
Entdeckung zur Konstruktion einer Pendeluhr nutzen könne.
Zur Untersuchung der Fallgesetze führte Galilei als Versuchsanordnung die
schiefe Ebene mit Kugeln aus verschiedenen Materialien ein. Galileis
Schüler und erster Biograph Vincenzo Viviani setzte die Behauptung in die Welt, Galilei habe in Pisa auch Fallversuche vom Schiefen Turm unternommen; in Galileis Schriften und
Manuskripten findet sich jedoch kein Hinweis auf solche Versuche, die mangels genauer Uhren quantitativ nicht auswertbar gewesen
wären. Davon zu unterscheiden ist das Turmargument als Gedankenexperiment,
auf das Galilei in seinem Hauptwerk "Dialogo" sehr wohl eingeht.
Galilei fasste die Ergebnisse seiner mechanischen Untersuchungen in einem Manuskript zusammen, das heute als De motu
antiquiora zitiert wird und erst 1890 [?] gedruckt wurde. Darin enthaltene Angriffe
auf Aristoteles wurden von Kollegen unfreundlich aufgenommen und sollen dazu
geführt haben, dass Galileis Stelle 1592 nicht verlängert wurde.
Galileis materielle Situation wurde dadurch verschärft, dass 1591 sein Vater gestorben
war; er musste für seine Mutter, für drei jüngere Geschwister und für die Mitgift seiner älteren Schwester sorgen.
Professor in Padua, 1592-1610
Dank guter Protektion wurde Galilei 1592 auf den Lehrstuhl für Mathematik in Padua
berufen, auf den sich auch Giordano Bruno Hoffnungen gemacht hatte. In
Padua, das zur reichen und liberalen Republik Venedig gehörte,
blieb Galilei 18 Jahre lang. Diese Zeit soll er später die glücklichste seines Lebens genannt haben; wenn er in Padua geblieben
wäre, wäre er vor dem Zugriff der Inquisition wahrscheinlich geschützt
gewesen.
Obwohl seine Stelle wesentlich besser dotiert war als die vorige in Pisa, besserte Galilei sein Salär auf, indem er neben
seinen akademischen Vorlesungen vornehmen Schülern Privatunterricht erteilte, darunter zwei späteren Kardinälen. Ferner vertrieb Galilei einen Sextanten [? - vgl.
seine Schrift Compasso geometrico e militare, 1606], dessen Konstruktion er
verbessert hatte und für dessen Fertigung er einen eigenen Mechaniker beschäftigte.
Die heute nach Kepler benannte Supernova von 1604 veranlasste ihn zu drei öffentlichen Vorträgen, in denen
er die aristotelische Astronomie und Naturphilosophie angriff. Aus
der fehlenden Parallaxe schloss Galilei, dass der neue Stern weit von der Erde
entfernt sein müsse, sich also in der Fixsternsphäre befinde, die nach herrschender Lehre für unveränderlich gehalten wurde.
Galileo Galileis Entdeckung der Jupitermonde (1610)
1609 erfuhr Galilei von dem im Jahr zuvor in Holland von Jan Lippershey erfundenen Fernrohr. Er baute aus
käuflichen Linsen ein Gerät mit ungefähr vierfacher Vergrößerung,
lernte dann selbst Linsen zu schleifen, und erreichte bald eine acht- bis neunfache, in späteren Jahren eine bis zu 33fache
Vergrößerung. Galilei führte sein Instrument, dessen militärischer Nutzen auf der Hand lag, der venezianischen Regierung, der
Signoria, vor, machte tiefen Eindruck und überließ ihr das völlig illusorische alleinige Recht zur Herstellung solcher
Instrumente, woraufhin sein Gehalt verdreifacht [nach anderer Quelle verdoppelt] wurde. Entgegen der Darstellung in Brechts Drama hat Galilei die Grundidee des Teleskops wohl nicht als seine
eigene Erfindung ausgegeben; eine Gehaltskürzung [-suspension ?] im folgenden Jahr deutet aber an, dass sich die Signoria
durchaus hinters Licht geführt fühlte.
Als einer der ersten Menschen nutzte Galilei ein Fernrohr zur Himmelsbeobachtung. Mit ihm beginnt die Teleskop-Astronomie. Er
entdeckte die vier größten Monde des Jupiter, die er in Vorbereitung seines Wechsels an den Medici-Hof die Mediceischen Gestirne nannte und die heute als die Galileischen Monde bezeichnet werden. Aus der Bedeckung von Sternen
durch den Mond schloss er, dass dieser keine perfekte Kugel ist, sondern Berge hat.
Er beobachtete, dass die Milchstraße aus einzelnen Sternen besteht.
Diese Entdeckungen, veröffentlicht im Sidereus Nuncius (Sternenbote) von 1610,
machten Galilei auf einen Schlag berühmt.
Hofmathematiker in Florenz, ab 1610
1610 ernannte der Großherzog der Toskana, Cosimo II., Galilei
zum Hofmathematiker und -philosophen und zum Mathematikprofessor in Pisa ohne jede Lehrverpflichtung: er bekam volle Freiheit,
sich ganz der Forschung zu widmen.
Spätestens bei der Umsiedlung nach Florenz trennte sich Galilei von Marina Gamba, seiner Haushälterin, mit der er drei Kinder
hatte: Virginia (Ordensname Maria Celeste, 1600-1634), Livia (Ordensname Arcangela, 1601-1659) und Vincenzo (1606-[?]). Mit Hilfe
eines Bewunderes, des Kardinals Maffeo Barberini (später
Papst Urban VIII.), brachte Galilei seine Töchter vor Erreichen des Mindestalters in einem Kloster unter.
Im Jahr 1611 besuchte Galilei Rom, wurde für seine
Entdeckungen hoch geehrt und zum sechsten Mitglied der Accademia dei Lincei ernannt; diese Ehre war ihm so wichtig, dass er sich fortan Galileo
Galilei Linceo nannte.
Im März 1614 gelang es Galilei, das Gewicht der Luft als ein 660stel des Gewichts des Wassers zu bestimmen; herrschende Meinung war bis zu diesem Zeitpunkt, dass Luft
keinerlei Gewicht hat.
Weitere astronomische Entdeckungen und der Inquisitionsprozess von 1616
1610 konvertierte Galilei das Teleskop erstmals in ein Mikroskop; die
Mikroskopie blieb für ihn aber eine Beschäftigung niedriger Priorität. Er setzte seine astronomischen Beobachtungen fort und
fand, dass auch der Planet Venus Phasen wie der Mond hat.
Die Entdeckung der Sonnenflecken verwickelte ihn in eine
Auseinandersetzung mit dem Jesuiten Christoph Scheiner: man
stritt sich sowohl um die Priorität (allerdings nimmt man heute an, dass chinesische Astronomen die Sonnenflecken früher beobachtet
hatten) als auch um die Deutung: um die Vollkommenheit der Sonne zu retten, nahm Scheiner an, dass die Flecken Satelliten seien,
wogegen Galilei die Beobachtung anführte, dass Sonnenflecken entstehen und vergehen (Lettere solari, 1613).
Drei Kometen, die im Jahr 1618 erschienen, interpretierte Galilei irrig als erdnahe
optische Effekte.
Für Galilei war es offensichtlich, dass seine astronomischen Beobachtungen das heliozentrische Weltbild des Kopernikus stützten, aber keinen zwingenden Beweis lieferten: sämtliche Beobachtungen waren auch mit
dem Modell des Tycho Brahe kompatibel, in dem sich Sonne und Mond um die
Erde, die übrigen Planeten aber um die Sonne drehen. Tatsächlich gelang es erst James Bradley im Jahr 1729 mit der stellaren Aberration die Eigenbewegung der Erde gegenüber der Fixsternsphäre nachzuweisen. Galilei
hielt sich bei der Interpretation seiner astronomischen Beobachtungen zunächst zurück. Gegen das Kopernikanische System sprachen
Bibelstellen, aus denen auf eine Eigenbewegung der Sonne geschlossen werden musste (am wichtigsten die Stelle, in der Josua der Sonne befiehlt, stillzustehen [Jos. 10, 12]).
Kontroverse Diskussionen am Florentiner Hof veranlassten Galilei dann doch, zu erklären, dass eine mit dem Kopernikanischen
System verträgliche Bibelauslegung möglich sei (Brief an seinen Schüler und Nachfolger in Pisa, Benedetto Castelli, 21.12.1613
Originaltext (http://www.liberliber.it/biblioteca/g/galilei/lettere/html/lett11.htm); Brief an die
Großherzogin-Mutter Christine von Lothringen, 1615 Originaltext (http://www.liberliber.it/biblioteca/g/galilei/lettere/html/lett14.htm)). Der Brief an Castelli
wurde in fehlerhafter Abschrift der Inquisition zugespielt, was Galilei veranlasste, eine korrekte Abschrift hinterherzusenden
und in Person nach Rom zu reisen, um seinen Standpunkt zu vertreten.
Im Jahr 1615 veröffentlichte der Kleriker Paolo Antonio
Foscarini (c. 1565-1616) ein Buch, das beweisen sollte, dass die Kopernikanische Astronomie nicht der Heiligen Schrift
widersprach. Daraufhin eröffnete die Römische Inquisition unter Leitung des
bedeutenden Kirchenlehrers Kardinal Bellarmin ein Untersuchungsverfahren. 1616 wurde Foscarinis Buch gebannt; zugleich wurden einige
nichttheologische Schriften über Kopernikanische Astronomie, darunter auch ein Werk von Johannes Kepler, auf den Index gesetzt. Das Hauptwerk des Kopernikus, De Revolutionibus Orbium Coelestium,
postum in dessen Todesjahr 1543 erschienen, war aufgrund seiner mathematischen Qualitäten
in der Fachwelt unentbehrlich geworden und lag auch der Gregorianischen Kalenderreform zugrunde [? - wird von Paul Feyerabend bestritten]; es durfte fortan bis 1822 [?] im
Einflussbereich der Römischen Inquisition nur noch in Bearbeitungen erscheinen, die betonten, dass das heliozentrische System ein
bloßes mathematisches Modell sei.
An diesem Inquisitionsprozess war Galilei offiziell nicht beteiligt. Seine Haltung war jedoch ein offenes Geheimnis. Wenige
Tage vor der förmlichen Beschlussfassung schrieb Bellarmin an Galilei einen Brief mit der Ermahnung, das Kopernikanische System
in keiner Weise zu verteidigen. Dieser Brief wurde im Prozess von 1632/33 als Beweis für Galileis Ungehorsam zitiert; allerdings
gab es in den Akten zwei verschiedene Fassungen eines solchen Briefes, von denen nur eine korrekt unterschrieben und zugestellt
war, weshalb im 19. und 20. Jahrhundert einige Historiker annahmen, die Inquisitionsbehörde habe zuungunsten Galileis einen
Beweis gefälscht.
Der Dialog über die zwei Weltsysteme und der Inquisitionsprozess von 1633
1623 wurde Galileis alter Förderer, Kardinal Maffeo Barberini, zum Papst gewählt
(Urban VIII.). Galilei widmete ihm sogleich seine Schrift
Saggiatore, eine Polemik gegen den Jesuitenpater Orazio Grassi über die Kometenerscheinungen von 1618 und über methodologische Fragen. In diesem Buch äußert Galilei seine berühmt gewordene
Überzeugung, die Philosophie stehe in dem Buch der Natur, und dieses Buch sei in mathematischer Sprache geschrieben: ohne
Geometrie zu beherrschen, verstehe man kein einziges Wort.
1624 reiste Galilei nach Rom und wurde sechs Mal von Barberini-Urban empfangen, der ihn
ermutigte, über das Kopernikanische System zu publizieren, solange er dieses als Hypothese behandele; den Brief von Bellarmin an
Galilei aus dem Jahr 1616 kannte Barberini damals nicht. Nach langen Vorarbeiten und unterbrochen durch Krankheiten vollendete
Galilei 1630 den Dialogo di Galileo Galilei sopra i due Massimi Sistemi del Mondo
Tolemaico e Copernicano (Dialog über die zwei wichtigsten Weltsysteme, das Ptolemäische und das Kopernikanische). In diesem
Buch erklärte Galilei unter anderem sein Relativitätsprinzip und seine Methode zur Bestimmung der Lichtgeschwindigkeit. Als vermeintlich stärkstes Argument für das Kopernikanische System diente ihm
eine (wie sich später herausstellte, irrige) Theorie der Gezeiten.
Im Mai 1630 reiste Galilei erneut nach Rom, um bei Urban VIII. und Niccolò Riccardi, dem für die Zensur verantwortlichen
Inquisitor, eine kirchliche Druckerlaubnis (Imprimatur) zu erwirken. Zurück in
Florenz, entschied Galilei jedoch aus verschiedenen Gründen, unter anderem wegen einer Pestepidemie, sich mit einer
Druckerlaubnis durch den Florentiner Inquisitor zu begnügen und das Werk in Florenz drucken zu lassen. Aufgrund verschiedener
Schwierigkeiten, ausgelöst durch Riccardi, konnte der Druck aber erst im Juli 1631
beginnen; im Februar 1632 erschien der "Dialogo".
Der Zensurauflage, das Werk mit einer Schlussrede zugunsten des Ptolemäischen Systems zu beschließen, meinte Galilei
nachzukommen, indem er diese Rede in den Mund des manifesten Dummkopfs Simplicio legte. Überdies beging er den Fehler,
sich über einen Lieblingsgedanken Barberini-Urbans lustig zu machen: dass man eine Theorie niemals über die von ihr
vorhergesagten Effekte nachweisen könne, da Gott diese Effekte jederzeit auch auf anderem Wege hervorbringen könne. Damit hatte
Galilei den Bogen überspannt und die Protektion des Papstes verspielt, der nun mit voller Härte reagierte.
Im Juli 1632 wies Riccardi den Inquisitor von Florenz an, er solle die Verbreitung des Dialogs verhindern. Im September
bestellte der Papst Galilei nach Rom ein. Mit Bitte um Aufschub, ärztlichen Attests, Anreise und Quarantäne verging jedoch der
gesamte Winter. In Rom wohnte Galilei in der Residenz des toskanischen Botschafters. Anfang April 1633 wurde er offiziell vernommen und musste für 22 Tage ein Apartement der Inquisition beziehen. Am 30. April bekannte er in einer zweiten Anhörung, in seinem Buch geirrt zu haben, und
durfte wieder in die toskanische Botschaft zurück. Am 10. Mai reichte er seine
schriftliche Verteidigung, eine Bitte um Gnade, ein. Am 21. wurden ihm im Heiligen Uffizium die Folterinstrumente gezeigt, am
22. Juni 1633 fand der Schauprozess statt.
Nachdem Galilei seiner Fehler abgeschworen, sie verflucht und verabscheut hatte, wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt und
war somit der Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen entkommen, die im Jahr 1600 an Giordano Bruno vollzogen, im Falle Galileis aber von keiner Seite angestrebt
worden war. Dass Galilei überhaupt verurteilt wurde, war unter den zuständigen zehn Kardinälen durchaus strittig; drei von ihnen
unterschrieben das Urteil nicht.
Galilei selbst hielt an seiner Überzeugung fest. Die Legende, der zufolge er beim Verlassen des Gerichtssaals gemurmelt haben
soll, "Eppur si muove" (und sie (die Erde) bewegt sich doch), ist historisch nicht belegt und äußerst unwahrscheinlich; sie wurde
jedoch schon zu seinen Lebzeiten verbreitet, wie ein spanisches Gemälde von ca. 1643/45 beweist.
Hausarrest 1633-1642 und die Discorsi
Galilei wurde unter lebenslangen Hausarrest gestellt. Anfänglich musste er in Rom bleiben und wohnte in der Residenz des
Erzbischofs von Siena. Wegen eines schmerzhaften Leistenbruchs bat er um
Erlaubnis, Ärzte in Florenz aufsuchen zu können. Sein Gesuch wurde abgelehnt mit der Warnung, dass weitere solche Anfragen zu
seiner Einkerkerung führen würden. Im Arrest wurde er gezwungen, regelmäßig Bußpsalme aufzusagen, und seine sozialen Kontakte
wurden stark eingeschränkt, aber es war ihm gestattet, mit seinen weniger kontroversen Forschungen fortzufahren.
Galilei litt seit längerem an den Augen; 1638 erblindete er vollständig - möglicherweise
eine Folge seiner ohne ausreichenden Schutz unternommenen Sonnenbeobachtungen. Ein Gnadengesuch auf Freilassung wurde abgelehnt,
aber er durfte in sein Haus nach Florenz ziehen, wo er näher bei seinen Ärzten war. Seine letzten Jahre verbrachte er vornehmlich
in seinem Landhaus in Arcetri bei Florenz.
Ab dem Juli 1633 schrieb Galilei an seinem physikalischen Hauptwerk Discorsi e
Dimostrazioni Matematiche intorno a due nuove scienze. Obwohl das Inquisitionsurteil kein explizites Publikationsverbot
enthielt, stellte sich eine Veröffentlichung im Einflussbereich der katholischen Kirche als unmöglich heraus. Eine lateinische
Übersetzung der Discorsi erschien 1635 bei Matthias Bernegger in
Straßburg, das italienische Original 1636 bei Louis
Elsevier in Leiden.
Inhaltlich griff Galilei in den Discorsi Ansätze und Ergebnisse aus seinen Anfangsjahren wieder auf. Die beiden neuen
Wissenschaften, die Galilei begründet, sind in moderner Sprache Elastizitätstheorie und Kinematik.
Nachgeschichte, Nachruhm
Der Inquisitionsprozess gegen Galilei hat zu endlosen historischen Kontroversen und zahlreichen literarischen Bearbeitungen
angeregt; unter anderem in Bertolt Brechts Leben des
Galilei.
1741 gewährte das Heilige Offizium - d.h. die Inquisition - auf Bitte Benedikts XIV. das Imprimatur auf die erste Gesamtausgabe der
Werke Galileis. Unter Pius VII. wurde 1822 erstmals ein Imprimatur auf ein Buch erteilt, dass das Kopernikanische System als physikalische Realität
behandelte - der Autor, ein gewisser Settele, war Kanoniker. Für Nicht-Kleriker war das Interdikt wohl längst belanglos
geworden.
1979 beauftragte Johannes Paul II. die Päpstliche Akademie der Wissenschaften, den berühmten Fall aufzuarbeiten. Am
31. Oktober 1992 wurde der
Kommissionsbericht übergeben und hielt Johannes Paul eine Rede, die oft verkürzt als eine bloße Entschuldigung dargestellt wird;
tatsächlich ging es dem Papst darum, das gegenseitige Missverstehen von Wissenschaft und Kirche zu heilen.
Nach Galilei benannt sind:
- in der Geophysik die Einheit für die Erdbeschleunigung 1 Gal;
- die Raumsonde Galileo, gebaut zur Erforschung des
Planeten Jupiter;
- das zukünftige Satellitennavigationssystem Galileo
Wissenschaftliche Leistungen
Methodisches
Galilei gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die die von Francis Bacon theoretisch eingeforderte experimentelle Methode befolgten; zugleich aber bestand
Galilei auf einer streng mathematischen Beschreibung der Naturgesetze. Galileis Überlegenheitsgefühl gegenüber Aristoteles
gründete vielleicht primär darauf, dass er meinte, der bessere Mathematiker zu sein.
Kinematik
Die gleichmäßig beschleunigte Bewegung beschäftigte Galilei über vierzig Jahre lang. Seine experimentelle Innovation bestand
in der Verwendung der schiefen Ebene, mit der er die Fallgesetze auf einer
verlangsamten Zeitskala studieren und - über seinen Puls oder mit Wasseruhren - quantitativ überprüfen konnte.
In seinem frühen Manuskript De motu (1590, s.o.) vertrat er noch die Meinung, die Beschleunigung hänge von der Dichte
ab. Später kam er dann zum Schluss, dass im Vakuum alle Körper die gleiche
Beschleunigung erfahren. Im Zusammenhang mit dem Turmargument finden sich
kinematische Überlegungen im Dialog über die zwei Weltsysteme; voll ausgearbeitet werden die Fallgesetze im dritten und vierten
der vier Tage der Discorsi e Demonstrazioni von 1636/38.
Eng damit zusammen hängt das Relativitätsprinzip, das in der modernen Physik Galilei-Invarianz genannt wird
und besagt, dass ein gleichmäßig bewegter Beobachter die gleichen physikalischen Gesetze wahrnimmt wie ein ortsfester.
Neuere wissenschaftsgeschichtliche Arbeiten betonen, dass Galilei mit seinen Forschungen zur Kinematik nicht alleine stand;
mit dem Thema befassten sich unter anderem Alessandro Piccolomini, Niccolò Tartaglia, Giovan Battista
Benedetti, Francesco Maurolico, Bernardino Baldi, Guidubaldo dal Monte, Michael Varro (De motu, Genf 1584) und Francesco Buonamicida
(De motu, Florenz 1591).
Elastizitätstheorie
Wie aus dem Titel der discorsi hervor geht, veröffentlichte Galilei seine Ergebnisse über die Elastizität eines
Balkens mit dem vollen Bewusstsein, damit eine neue Wissenschaft zu
begründen. Die weitere Entwicklung hat ihm recht gegeben; sein Beitrag kann tatsächlich als Begründung der Elastizitätstheorie gelten.
Galilei stellte fest, dass die Tragfähigkeit eines Balkens größer ist, wenn man ihn hochkant, nicht flachkant stellt. Er
setzte als erster die äußere Belastung in Relation zu den inneren Spannungen. Eine quantitative Theorie konnte er allerdings noch
nicht aufstellen. Die heute Neutralfläche genannte Menge aller Drehachsen ordnete er am unteren Rand des eingespannten
Balkens statt in der Mitte des Balkenquerschnittes an. Korrekturen dieses Irrtums konnten sich im 17. und 18. Jahrhundert nicht
durchsetzen; erst Anfang des 19. Jahrhundert sorgte Navier erfolgreich für eine
Richtigstellung.
Astronomie
Galileis astronomische Entdeckungen sind im biographischen Teil bereits ausführlich gewürdigt worden.
Vermischte Erfindungen
Mehrere von Galileis Erfindungen sind heute nur in seinen Aufzeichnungen und Skizzen erhalten. Er zeichnete unter anderem
Skizzen von Geräten wie einer Kombination aus Kerze und Spiegel, um damit das Licht durchs ganze Haus leiten zu können, einen
automatischen Tomatenpflücker, einen Taschenkamm, der auch als Besteck verwendet werden konnte und eine Art Vorläufer des Kugelschreibers.
Galilei als Schriftsteller
Revolutionär war nicht nur, dass Galilei in der Volkssprache Italienisch publizierte, sondern auch wie: Galilei schrieb ein
vorbildlich schönes Italienisch, das stilbildend auf die wissenschaftliche Prosa gewirkt hat.
Weiterführende Informationen
Galileis wissenschaftliche Werke
Galilei veröffentlichte seine wissenschaftlichen Erkenntnisse in den folgenden Hauptwerken (weitere Werke, die heute von
vornehmlich biographischem Interesse sind, werden in der Biographie genannt):
- Sidereus nuntius, 1610
deutsch: Nachricht von neuen Sternen, Frankfurt a. M. 1965
- Saggiatore (Prüfer mit der Goldwaage), 1623
- Dialogo sopra i due massimi sistemi, Florenz 1632
deutsch: Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme, Leipzig 1891
- Discorsi e dimostrazioni matematiche, Leiden 1638
deutsch: Unterredung und mathematische Demonstration über zwei neue Wissenszweige die Mechanik und die Fallgesetze betreffend,
Leipzig 1890
Quellenausgaben
- Schriften, Briefe, Dokumente (Hg. Anna Mudry), München 1987
- Pietro Redondi, Galilei, der Ketzer, München 1991 (Darstellung des Inquisitionsprozesses von 1633; mit z.T. erstmals
veröffentlichten Dokumenten)
Biographien
- Pascual Jordan, Galileo Galilei, in: Die Großen der
Weltgeschichte, herausgegeben von Kurt Fassmann, Zürich 1974, Band 5: Calvin bis Huygens, S. 468-491
(Kurzbiographie)
- Drake, Stillman, Galileo At Work. Chicago: University of Chicago Press, 1978. ISBN 0-226-16226-5
Interpretationen
- Bertolt Brecht, das Das Leben des Galilei (ISBN 3518100017)
- Paul Feyerabend, in Wider den Methodenzwang (ISBN 3518281976)
Filme
- 1947 verfilmten in den USA Ruth Berlau und Joseph Losey die Broadway-Aufführung von Brechts "Leben des Galileo" mit Charles
Laughton in der Titelrolle. Es handelt sich um einen Schwarz-weiß-Stummfilm von 30 Minuten Dauer.
- 1975 führte Joseph Losey Regie in "Galileo" (USA), einem Spielfilm, der wiederum auf Brechts Stück beruht. Chaim Topol
spielte den Gelehrten in dem 145 Minuten dauernden Eastmancolor-Film.
Weblinks
Überblicksseiten:
- Biographie auf Englisch (http://www-gap.dcs.st-and.ac.uk/~history/Mathematicians/Galileo.html)
- eine
weitere Biographie auf Englisch (http://www.crystalinks.com/galileo.html)
- Virtuelle Ausstellung der Bibliothek der ETH Zürich
(http://www.ethbib.ethz.ch/exhibit/galilei/galileo_frame.html)
- Galileo-Projekt der Rice-Universität
(http://galileo.rice.edu/)
Primärtexte:
- Galileis Schriften als Online-Texte im italienischen Original (http://www.liberliber.it/biblioteca/g/galilei/)
- Manuskripte von Galileo Galilei (http://echo.mpiwg-berlin.mpg.de/content/scientific_revolution/galileo) De motu, MS 72
- Archimedes-Projekt (http://archimedes2.mpiwg-berlin.mpg.de/archimedes_templates) Quellen zur Geschichte der
Mechanik
- Die Inquisitionsakten in englischer Übersetzung
(http://www.msu.edu/course/lbs/492/stillwell/galileo_trial_docs.html)
Laufende Forschung:
- Galileana (http://moro.imss.fi.it:9000/galilaeana/index.html) Internationale Zeitschrift für
Galilei-Forschungen, begründet 2004
Sichtweise der katholischen Kirche
- Päpstliche Erklärung in deutscher Übersetzung (http://www.stjosef.at/dokumente/papst_galilei.htm)
- Würdigung aus katholischer Sicht (http://www.catholic.net/RCC/Periodicals/Issues/GalileoAffair.html)
Exzellenter Artikel
|